George-Kreis

Der Text auf dieser Seite ist vollständig zitiert aus Aurnhammer, Achim u. a. (Hrsg.): Stefan George und sein Kreis. Ein Handbuch. 2. Auflage. Band 3. Berlin: De Gruyter 2016, S. 1711.

Verbindung zu Stefan George und seinem Kreis

Thormaehlen zählt zu den bedeutendsten Vertretern der zweiten Generation im George-Kreis, seine diversen Berliner Ateliers waren von 1913 bis 1933 Treffpunkte der Mitglieder. Über seinen Magdeburger Schulfreund Wilhelm Andreae assoziierte sich.  Thormaehlen 1908 dem Lichterfelder Kreis um Friedrich Wolters und Berthold Vallentin. Vermittelt durch Vallentin, begegnete Thormaehlen am 01. Februar 1909 in Lichterfelde bei Wolters erstmals Stefan George. Ausführlich berichtet Thormaehlen von dieser Begegnung mit Stefan George, die er zu einer Epoche seines Lebens stilisierte [6]. Im Winter 1909/10 begegnete er erneut Stefan George und Friedrich Gundolf, als diese in Berlin den Plan eines Jahrbuchs für die geistige Begegnung besprachen (LT, 35f.). Seinen Magdeburger Kommilitonen hielt Thormaehlen eine Einführung in das Werk Stefan Georges. Vom 23. Dezember 1910 datiert sein erster Brief an Stefan George (Bitte um einen Besuch in Bingen). Während seines Studiums in München, im Wintersemester 1910/11, Besuchte Thormaehlen regelmäßig Stefan George im Kugelzimmer und nahm dort an festlichen Lesungen teil (eine Fotographie von R. F. Schmitz zeigt Thormaehlen im Festgewand). Als Stefan George mit Gundolf 1911 den Schwarzwald besuchte, begleitete Thormaehlen, der damals in Freiburg studierte, Stefan George täglich auf den Nachmittagsspaziergängen in Hinterzarten. Die Gespräche über die richtige Art des Lebens irritierten Thormaehlen so sehr, dass er Stefan George am 22. Juni 1911 zu einer Aussprache in München aufsuchte. Seit dem 27. Dezember 1911 duzte Thormaehlen den lieben Meister und erklärte die Begegnung zum Wendepunkt seines Lebens: Ich bin ganz dir und will mich gedulden und ergeben und nach nichts fragen, weil doch alles so bestimmt wurde. Doch du kennst mich ja besser, als ich mich und weißt auch wie schwer es mir wurde mich von eigensucht und -sinn zu lösen [7]. Im April 1912 begleitete er den Dichter auf einer Reise durch Mainfranken (Sonnenfinsternis am 17. April auf Schloss Banz) und den Taunus (Königstein). Thormaehlen stand Stefan George so nahe, dass er ihn Weihnachten 1912 in Bingen besuchte, zusammen mit Ernst Glöckner, Berthold Valentin, Friedrich Wolters, den Brüdern Gundolf, Robert Boehringer und Ernst Morwitz an dem großen Symposium zu Pfingsten 1913 im Kugelzimmer teilnahm (Hölderlin- und Dante-Lesung) und gemeinsam mit Stefan George Heinrich Wölfflin aufsuchte.

Im Herbst 1913 richtete sich Thormaehlen in Berlin ein provisorisches Atelier in der fast leeren Wohnung in der Geisbergstr. ein, die Stefan George mit Ernst Morwitz bewohnte. Dort schnitze er zunächst ein Bildnis von Morwitz, dann von Stefan George. Beiden Skulpturen folgten weitere in Holz geschnitzte oder in Ton oder in Kalkstein modellierte Portraits von Kreismitgliedern, von Bernhard und Woldemar von Uxkull-Gyllenband, Friedrich Wolters, Friedrich und Ernst Gundolf, Albrecht von Blumenthal, Max Kommerell (Juni 1924) und Hans Anton. 1914 suchte Thormaehlen im Auftrag Stefan Georges Walter Wenghöfer in Magdeburg auf. Thormaehlens Kriegsdienst an der italienischen Front tat der Freundschaft keinen Abbruch.

Sein erstes eigenes Berliner Atelier, in einem Hinterhaus in der Neuen Ansbacher Straße, stattete Thormaehlen mit blauen Vorhängen wie ein Zelt aus. In dem sog. Pompeianum hielt sich Stefan George bei seinen Besuchen in Berlin regelmäßig auf, dichtete und las dort vor. Hier verfasste er 1917/18 die ersten Sprüche an die Lebenden und las 1921 die Drei Gesänge vor [8]. Thormaehlen modellierte hier eine bekannte Büste Stefan Georges (von letzterem Fizzlibuzzli genannt). Nach Rezitationen im Mai 1924 stellte Stefan George die Kreis-Lesungen im Atelier ein, das nur noch Arbeitsstätte sei (BV 74f.). Am 31. Oktober 1924 ließ sich Stefan George mit den Brüdern Berthold und Claus von Stauffenberg in Grunewald von Thormaehlen fotografieren.

Thormaehlens zweites Berliner Atelier in der Albert-Achilles-Straße 3 in Charlottenburg, genannt Achilleion, war seit 1927 einer der wichtigsten Versammlungsorte des George-Kreises. In diesem Männerhaus, wo Stefan George seine nächsten Freunde empfing, fanden vertraut-gesellige Abende statt (RB II, 166f.). Hier suchte Stefan George auch den Zwist zwischen Max Kommerell und Ernst Morwitz zu schlichten, indem er das Morwitz gewidmete Gedicht Burg Falkenstein und Geheimes Deutschland las. Im Achilleion stellte Stefan George seine letzte Gedichtsammlung Das Neue Reich zusammen und bereitete die Gesamtausgabe vor. In den Streitigkeiten mit Friedrich Gundolf, Max Kommerell oder Percy Gothein, nahm Thormaehlen stets für Stefan George Partei [9]. 1927 besuchte Stefan George die von Thormaehlen in der Nationalgalerie vorbereitete Arnold Böcklin-Ausstellung, den Katalog eröffnet Stefan Georges erstes Zeitgedicht (VI/VII, 6-7). Im November 1928 fand aus Anlass des Erscheinens des Neuen Reichs eine feierliche Lesung im engeren Kreis im Achilleion statt, das seit 1930 zu Stefan Georges Daueradresse wurde. Thormaehlen besuchte Stefan George im Dezember 1932 in Minusio, am 12. Juli 1933, dem 65. Geburtstag des Dichters, in Berlin, war schließlich auch bei dessen Tod am 1. Dezember 1933 zugegen und hielt mit den engsten Freunden die Totenwache.

Anmerkungen
[6] Auf mich hat Stefan George eine ungewöhnliche Wirkung ausgeübt […], ich fühle mich verändert, was sich selbst im Körperlichen auswirkt […]. Mit dem 01.Februar 19009 ist ein Strich gemacht und gesagt: so, das ist die Abrechnung. Mit dem was hinter mir liegt, habe oder will ich nichts mehr zu tun haben.
Begegnung mit Stefan George 1959, S. 23, wieder in: Ludwig Thormaehlen, S. 27f.
[7] Thormaehlen an Stefan George vom 27.11.1911, Stefan George Archiv
[8] Berlin 1921, wieder abgedruckt in: SW IX, S. 90, 27-30, 31-33
[9] Brieflich beschuldigte Kommerell im Juli oder August 1931 Thormaehlen, dieser würde ihm gegenüber nicht mehr als Freund, sondern nur noch als Vertreter einer Großmacht sprechen und handeln und Gegnerschaften erzeugen (Deutsches Literaturarchiv Marbach)